Leseverstehen Exercise
Das Multitasking-Märchen
Reading Texts
In der modernen, digitalisierten Arbeitswelt gilt es oft als unverzichtbare Kernkompetenz: Wer erfolgreich sein will, muss scheinbar E-Mails beantworten, gleichzeitig einem Online-Meeting lauschen und nebenbei noch schnell eine Präsentation überarbeiten können. Dieses sogenannte Multitasking, also die Fähigkeit, mehrere Aufgaben zur selben Zeit zu erledigen, wird in vielen Stellenanzeigen ausdrücklich gefordert. Für lange Zeit glaubten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer, dass diese Arbeitsweise die Produktivität enorm steigere und angesichts der heutigen Informationsflut schlichtweg alternativlos sei. Die Hirnforschung hat diesen Mythos jedoch in den letzten Jahren eindrucksvoll widerlegt. Neurologisch betrachtet ist das menschliche Gehirn gar nicht in der Lage, zwei kognitiv anspruchsvolle Prozesse exakt im selben Moment auszuführen. Was wir fälschlicherweise als paralleles Arbeiten wahrnehmen, ist in Wahrheit ein extrem schnelles Hin- und Herwechseln der Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Reizen. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang treffender vom „Task-Switching“. Unsere grauen Zellen arbeiten also nicht simultan, sondern streng seriell – sie bearbeiten Aufgaben nacheinander, nur eben in einem rasanten Tempo. Dieser ständige Fokuswechsel hat allerdings seinen Preis. Jedes Mal, wenn das Gehirn von einer Tätigkeit zur anderen springt, muss es die Regeln für die alte Aufgabe ausblenden und die der neuen laden. Dieser Rüstvorgang verbraucht messbar Zeit und große Mengen an Glukose, dem primären Energielieferanten unseres Nervensystems. Studien zeigen, dass Menschen durch dieses ständige Umschalten bis zu vierzig Prozent ihrer produktiven Arbeitszeit verlieren. Zudem ermüdet der Geist durch den hohen Energieverbrauch deutlich schneller, was unweigerlich zu einer erhöhten Fehlerquote führt. Verblüffend ist auch, wie sich intensives Multitasking auf unsere kognitiven Fähigkeiten auswirkt. Forscher der Stanford University untersuchten Personen, die regelmäßig viele Medienkanäle gleichzeitig nutzen, und verglichen sie mit Menschen, die Aufgaben meist nacheinander erledigen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die starken Multitasker schnitten in Tests zu Konzentration und Gedächtnis durchweg schlechter ab. Sie ließen sich viel leichter von irrelevanten Informationen ablenken und hatten größere Schwierigkeiten, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Kurz gesagt: Wer ständig alles auf einmal macht, trainiert seinem Gehirn die Fähigkeit zur tiefen Konzentration systematisch ab. Es gibt jedoch eine kleine Ausnahme von dieser Regel. Paralleles Handeln funktioniert dann reibungslos, wenn mindestens eine der beiden Tätigkeiten hochgradig automatisiert ist und keine bewusste Denkaufgabe erfordert. So können wir problemlos durch den Park spazieren und uns gleichzeitig angeregt mit einem Freund unterhalten. Das Gehen übernimmt hierbei das motorische Gedächtnis, ohne die Aufmerksamkeit zu blockieren. Sobald jedoch der Weg extrem uneben wird oder starker Verkehr herrscht, verstummt das Gespräch meist instinktiv, da das Gehirn wieder die volle Kapazität für die Fortbewegung benötigt. Um den mentalen Erschöpfungszuständen der modernen Arbeitswelt entgegenzuwirken, plädieren Arbeitspsychologen heute für eine Rückkehr zum „Single-Tasking“. Die bewusste Konzentration auf nur eine einzige Sache – oft auch als „Deep Work“ bezeichnet – macht uns nicht nur effizienter, sondern reduziert auch das persönliche Stresserleben erheblich. Experten raten dazu, Benachrichtigungen auf dem Smartphone regelmäßig zu deaktivieren und feste Zeitblöcke für das Bearbeiten von E-Mails einzuplanen. Nur wer seinem Gehirn die Möglichkeit gibt, bei einer Sache zu bleiben, kann sein volles intellektuelles Potenzial ausschöpfen.