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Stadtleben und Vogelforschung
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Vogelleben in Stadt und Land Das Leben in der Stadt ist laut, hektisch und oft teurer als auf dem Land. Trotzdem ziehen weltweit immer mehr Menschen in Großstädte, denn sie bieten viele aufregende Möglichkeiten. Zugleich fordern Städte aber auch viel Flexibilität, und das nicht nur von Stadtmenschen, sondern ebenso von den dort lebenden Tieren. So passen sich auch Vogelarten, wie zum Beispiel Amseln, an das Leben in der Stadt an: Im Durchschnitt dauert ihr Tag eine halbe Stunde länger als der ihrer im Wald lebenden Artgenossen, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Vogelkunde in einer Studie zeigen konnten. Sie verglichen Amseln in München mit solchen, die in einem Wald 40 Kilometer südwestlich der Stadt leben. Alle Vögel bekamen kleine Sender, mit denen ihre Aktivitäten mehrere Tage lang minutengenau protokolliert wurden. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Stadt- und Waldamseln. Die Waldamseln richteten sich weitgehend nach dem Rhythmus, den ihnen Sonnenauf- und -untergang vorgaben. Zu diesen Zeiten wurden sie alle fast gleichzeitig munter, beziehungsweise wieder ruhig. Die Stadtamseln wachten im Vergleich zu den Waldbewohnern individuell zu leicht unterschiedlichen Zeiten auf, waren aber alle schon vor Tagesanbruch aktiv. Bei einem anschließenden Experiment sperrten die Wissenschaftler die beiden Amselgruppen in abgedunkelte Käfige. Kein Ton drang hinein, kein Sonnenstrahl half, die Tageszeit zu erkennen. Während die Landvögel in dieser langweiligen Umgebung weitgehend unverändert ihren bisherigen Tag-NachtRhythmus beibehielten, verloren die Stadtamseln schneller die Orientierung. Offenbar fehlten ihnen die Straßenlaternen und der Lärm der Kneipen – Faktoren, die dem Stadtleben Struktur geben. Man kann aus diesen Forschungsergebnissen allerdings noch keine allgemeingültigen Schlüsse darüber ziehen, wie sich das Stadtleben auf Singvögel auswirkt. Jede der beiden Amselgruppen umfasste nur jeweils sechs Tiere. Und wer weiß, vielleicht unterscheiden sich die tierischen Bewohner Münchens von denen Berlins ähnlich stark in ihren Gewohnheiten und Vorlieben wie die menschlichen Einwohner beider Städte? Doch es gibt weitere Hinweise dafür, dass sich Vögel unter urbanen Bedingungen anders verhalten als ihre ländlichen Artgenossen. Werden Amseln zum Beispiel nachts ständig durch künstliches Licht gestört, dann sind sie früher paarungsbereit und bekommen früher Nachwuchs. Und auf den typischen Großstadtlärm reagieren Vögel, indem sie früher am Tag und lauter singen. Ähnliche Verhaltensänderungen beobachteten Forscher auch bei Hamstern in Wien. Dort fühlen sich die normalerweise scheuen, nachtaktiven Landbewohner offensichtlich wohl, vermehren sich schnell und haben sich einen anderen Lebensrhythmus angewöhnt. Nachts schlafen sie, dafür sind sie einige Stunden am Vormittag und am frühen Abend aktiv. Wie sind solche Veränderungen im Tagesablauf mancher Tiere zu bewerten? Biologen sind vorsichtig mit einer Antwort. In manchen Fällen scheinen die verstädterten Verhaltensweisen eine kluge Anpassung an die neue Umgebung zu sein. Ein Amselmännchen beispielsweise, das in der Stadt lauter und höher singt, hat bessere Chancen, ein Weibchen zu finden. Auch der frühe Tagesbeginn der Stadtamseln könnte Vorteile haben, da sie dadurch möglicherweise mehr Futter finden – und mehr Futter bedeutet oftmals auch mehr Nachkommen. Andererseits, so vermuten manche Biologen, dass der veränderte Tagesrhythmus auch ein Anzeichen dafür sein könnte, dass die innere Uhr der Vögel nicht mehr funktioniert, so wie bei einem Arbeiter, der in kurzen Abständen zwischen Tag- und Nachtarbeit hin und her wechseln muss. Für Menschen können solche Unregelmäßigkeiten ein Gesundheitsrisiko darstellen – für Tiere möglicherweise auch. Weitere Forschungsprojekte sollen gesichertere Erkenntnisse liefern, auch auf die Frage, ob die veränderten Verhaltensweisen der Stadtamseln genetisch bedingt sind. Vielleicht haben die urbanen Vögel eine kleine Evolution durchgemacht, um in ihrer lauten, hellen Umgebung besser zurechtzukommen.