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Leseverstehen Teil 2

Lesen Sie zuerst die beiden Artikel und lösen Sie dann die Aufgaben 6–10 zu den Texten. Entscheiden Sie, welche Lösung (a, b oder c) richtig ist.

Zeitwohlstand

Wohlstand wurde lange in Geld gemessen. Wer über ein höheres Einkommen verfügte, galt als wohlhabender – unabhängig davon, wie viele Stunden er dafür aufwenden musste. Seit einigen Jahren setzt sich in der Sozialforschung ein zweiter Maßstab durch: der Zeitwohlstand. Gemeint ist damit ausdrücklich nicht die Menge der arbeitsfreien Stunden, sondern die Möglichkeit, über die eigene Zeit selbst zu bestimmen. Die Zeitverwendungsforschung unterscheidet deshalb zwischen Zeitmenge und Zeitsouveränität: Entscheidend ist nicht, wie viel Zeit jemand hat, sondern wer über sie verfügt. In einer Repräsentativbefragung erklärten 64 Prozent der Erwerbstätigen, sie würden auf einen Teil ihres Einkommens verzichten, wenn sie dafür ihre Arbeitszeit freier einteilen könnten. Bemerkenswert ist ein Widerspruch. Die tarifliche Wochenarbeitszeit ist von durchschnittlich 44 Stunden im Jahr 1960 auf heute 37,7 Stunden gesunken; im selben Zeitraum stieg der Anteil derjenigen, die sich „häufig unter Zeitdruck“ fühlen, von 24 auf 48 Prozent. Nur eine Minderheit von 22 Prozent gibt an, den eigenen Tagesablauf weitgehend selbst zu bestimmen. Dies gilt für Führungskräfte (31 Prozent) ähnlich wie für Beschäftigte in der Krankenpflege (26 Prozent) oder im Einzelhandel (24 Prozent). Erklärt wird der Widerspruch mit der Arbeitsverdichtung, mit der Gleichzeitigkeit von Aufgaben und mit der Entgrenzung der Arbeitszeiten durch Kommunikationstechnik: Wer dauerhaft erreichbar bleibt, unterbricht sich am Ende selbst. Für die kommenden Jahre lässt sich absehen, dass der Zeitwohlstand zu einem Argument im Wettbewerb um Fachkräfte wird. Personalverantwortliche berichten von einer deutlichen Verschiebung der Erwartungen: Schon heute werben Unternehmen in Stellenanzeigen weniger mit der Höhe des Gehalts als mit der Verfügung über die Arbeitszeit. Ob daraus eine tatsächliche Arbeitsentlastung folgt, ist offen. Flexibilität kann ebenso gut bedeuten, dass die Grenze zwischen Beruf und Privatleben endgültig verschwindet.

Zeitdiebe

Wo bleibt die Zeit? Das Statistische Bundesamt hat in einer Zeitverwendungsstudie den Tagesablauf von 8 000 Haushalten erfasst, und das Ergebnis ist eindeutig: Kein anderer Bereich des Alltags verbraucht so viel Zeit wie das Warten. Auf Behörden, Arztpraxen, Handwerksbetriebe, Verkehrsmittel und Paketlieferungen entfallen im Durchschnitt 74 Minuten pro Tag. Es folgen die Wege zwischen den Orten des Alltags mit 68 Minuten und das Suchen verlegter Gegenstände mit elf Minuten. Bemerkenswert ist die Verteilung: Auf wenige Alltagstätigkeiten entfällt der größte Teil der verlorenen Zeit. Frauen und Männer unterscheiden sich dabei kaum; deutlicher ist der Unterschied zwischen Stadt- und Landbevölkerung, weil längere Anfahrtswege die Wartezeiten zusätzlich verlängern. In der Arbeitswelt wirkt ein anderer Mechanismus. Beschäftigte in Büroberufen arbeiten nach einer Untersuchung zur Aufmerksamkeitsforschung im Mittel elf Minuten ungestört, bevor eine Nachricht, ein Anruf oder eine Kollegin die Konzentrationsfähigkeit unterbricht. Bis die ursprüngliche Aufgabe wieder auf demselben Niveau bearbeitet wird, vergehen im Schnitt weitere 23 Minuten. Rechnerisch bedeutet das: Ein erheblicher Teil der Arbeitszeit entfällt nicht auf die Arbeit selbst, sondern auf die Wiederaufnahme unterbrochener Vorgänge. Arbeitsunterbrechungen gelten deshalb inzwischen als eigenständiger Belastungsfaktor. Am schwersten wiegt jedoch ein Zeitdieb, der in den Untersuchungen lange nicht auftauchte, weil ihn niemand als Verlust empfindet: die selbst gewählte Bildschirmnutzung nach Feierabend. Sie wird nicht als Belastung erlebt, sondern als Erholung – und gerade deshalb nicht begrenzt. Fachleute für Zeitverwendung ziehen daraus einen nüchternen Schluss: Freie Zeit, die nicht ausdrücklich geplant wird, füllt sich von allein. Zeitknappheit ist in dieser Lesart weniger ein Mengenproblem als ein Entscheidungsproblem.