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Leseverstehen Teil 1

Lesen Sie zuerst die zehn Überschriften. Lesen Sie dann die fünf Texte und entscheiden Sie, welche Überschrift (a–j) am besten zu welchem Text (1–5) passt.

a
Studio geschlossen: Mitglieder zahlen weiter
b
Ferien im Funkloch: ein Angebot wächst
c
Eine Kleinstadt macht das Langsame zum Programm
d
Nach dem Freijahr gekündigt und neu angefangen
e
Wer zu spät kündigt, zahlt ein Jahr länger
f
Bezahlte Hilfe im Viertel: ein neues Geschäft
g
Zurück im alten Job, aber mit weniger Stunden
h
Ein Jahr ohne Handy: ein Selbstversuch
i
Zu Besuch im Museum der alten Uhren
j
Nachbarn zahlen einander in Stunden
1

Entdecken Sie einen Ort, der es anders macht. Steinbach am Hain, eine Kleinstadt mit 6 800 Einwohnern am Rand des Vogelsbergs, gehört seit vier Jahren zu einem europäischen Netzwerk von Gemeinden, die das Tempo bewusst herausnehmen. Wer hier ankommt, findet keine Durchgangsstraße, keine Leuchtreklame und zwischen zwölf und halb drei auch kaum ein geöffnetes Geschäft. „Wir haben zwei Jahre darüber gestritten“, erzählt Bürgermeisterin Ilona Kreft. „Am Ende hat der Gemeinderat einstimmig zugestimmt.“ Die Bedingungen des Netzwerks sind streng: höchstens 50 000 Einwohner, keine großen Ketten in der Altstadt, ein Wochenmarkt mit Erzeugnissen aus der Umgebung. Steinbach hat die Hauptstraße für Autos gesperrt, Bänke aufgestellt und die Öffnungszeiten der Verwaltung an die Schulzeiten angepasst. Die Zahl der Übernachtungen ist seitdem um 18 Prozent gestiegen, die der Tagesgäste dagegen kaum. Sehenswert ist auch das Turmuhrenmuseum in der ehemaligen Schmiede, das rund 300 Werke aus drei Jahrhunderten zeigt und jedes Jahr etwa 9 000 Besucherinnen und Besucher anzieht. „Viele bleiben danach länger, als sie geplant hatten“, sagt der Leiter Marek Vollmer. Wer den Vogelsberg zu Fuß erleben möchte, findet ab dem Marktplatz sieben ausgeschilderte Wege zwischen fünf und zweiundzwanzig Kilometern.

2

Ein Jahr lang hat Rieke Sanders (39) keine einzige dienstliche Mail beantwortet. Die Bauingenieurin aus Oldenburg hatte sich bei ihrem Arbeitgeber ein Freijahr erkämpft – unbezahlt, dafür mit der schriftlichen Zusage, dass ihre Stelle offenbleibt. „Ich wollte wissen, ob ich ohne diesen Beruf überhaupt ich bin“, sagt sie heute. Vorbereitet hat sie das Jahr wie ein Bauprojekt. Zwei Jahre lang legte sie ein Drittel ihres Gehalts zurück, verkaufte ihr Auto und kündigte ihre Wohnung, um die Miete zu sparen; die Möbel standen im Keller ihrer Eltern. Dann fuhr sie mit dem Fahrrad bis nach Portugal, arbeitete drei Monate in einer Schreinerei und half im Winter auf einer Berghütte aus. „Die ersten Wochen waren furchtbar“, erzählt sie. „Ich habe morgens um sechs im Zelt gelegen und mich gefragt, was ich hier eigentlich soll.“ Im September fing sie wieder in ihrer alten Firma an, im selben Büro, mit denselben Kolleginnen. Nur ihre Wochenarbeitszeit ist eine andere: dreißig statt vierzig Stunden, und auf das fehlende Viertel des Gehalts verzichtet sie bewusst. „Ich habe nicht gelernt, weniger zu arbeiten“, sagt Sanders. „Ich habe gelernt, dass der Betrieb ohne mich weitergelaufen ist – und das war die beste Nachricht des Jahres.“ Ihr Arbeitgeber bietet das Modell inzwischen allen Beschäftigten ab fünf Betriebsjahren an; im ersten Jahr haben sich vier von zweihundert Mitarbeitenden beworben.

3

Der Aufenthalt beginnt mit einer Übergabe. Wer im Haus Talblick eincheckt, legt Smartphone, Tablet und Uhr in einen kleinen Holzkasten, der bis zur Abreise im Safe der Rezeption bleibt. Ein Netz gibt es hier nicht, Fernseher stehen in keinem Zimmer, und in dem engen Tal ist auch der Handyempfang so schwach, dass die meisten Gäste ihr Gerät ohnehin nicht vermissen würden. „Am ersten Abend greifen fast alle noch in die leere Hosentasche“, sagt Hausleiterin Beate Rungwald. „Am dritten Tag fragt niemand mehr danach.“ Was vor einigen Jahren als Kuriosität galt, ist zu einem eigenen Segment geworden. Der Hotel- und Gaststättenverband zählte 2019 zwölf Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die vollständig auf Netz und Bildschirm verzichten; inzwischen sind es 140. Die Preise liegen zwischen 95 und 210 Euro pro Nacht, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt drei bis sieben Nächte. Auch die Nachfrage verschiebt sich: Waren die Häuser früher überwiegend im Sommer ausgebucht, so sind inzwischen die Wochen zwischen November und Februar am stärksten gefragt. Auffällig ist vor allem, wer bucht: Nach einer Erhebung des Verbands sind zwei Drittel der Gäste zwischen 30 und 45 Jahre alt und arbeiten in Berufen, in denen ständige Erreichbarkeit selbstverständlich ist. Milena Foth (34), Projektleiterin in einer Werbeagentur, hat vier Nächte im Talblick verbracht. „Ich hatte mir vorgenommen, endlich das Buch zu lesen, das seit zwei Jahren neben meinem Bett liegt“, erzählt sie. „Gelesen habe ich es nicht. Ich habe stattdessen zwei Tage lang nichts getan, und das war anstrengender, als ich dachte.“ Genau das beobachtet auch Rungwald: Die Unruhe halte im Schnitt bis zum zweiten Tag an, danach schliefen die Gäste deutlich länger. Wer trotzdem erreichbar bleiben muss, kann an der Rezeption eine Nummer hinterlegen; im vergangenen Jahr haben davon nach Auskunft des Hauses sieben Gäste Gebrauch gemacht. Ein Schild an der Küchentür fasst die Hausordnung in vier Worten zusammen: „Hier gibt es Suppe.“

4

Dienstagvormittag, Gemeindezentrum Nordstadt. Halil Aydın (68) trägt eine Waschmaschine in den zweiten Stock, während Lena Brosch (29) am Küchentisch die Unterlagen einer Nachbarin sortiert. Draußen wartet Ismail Örs (54) mit einer Bohrmaschine unter dem Arm. Bezahlt wird keiner von ihnen – jedenfalls nicht mit Geld. Alle drei gehören zur Zeitbank Nordstadt, einem Verein, den elf Nachbarinnen und Nachbarn 2016 gegründet haben. Das Prinzip ist einfach: Wer eine Stunde für jemanden arbeitet, bekommt eine Stunde auf einem Konto gutgeschrieben. Ob dabei ein Rasen gemäht, Vokabeln abgefragt oder ein Formular ausgefüllt wird, spielt keine Rolle; jede Tätigkeit zählt gleich viel. Wer selbst Hilfe braucht, meldet sich in der Geschäftsstelle und lässt sein Guthaben abbuchen. Inzwischen sind 430 Mitglieder eingetragen, im vergangenen Jahr wurden 21 000 Stunden verbucht. „Am Anfang war die Sorge groß, dass alle nur nehmen wollen“, erinnert sich Mitgründerin Doris Palm. „Es ist genau umgekehrt gekommen.“ Rund vierzig Mitglieder hätten ein so hohes Guthaben angesammelt, dass der Vorstand sie regelmäßig auffordere, es endlich zu verbrauchen. Wer zwei Jahre lang nichts abruft, wird angeschrieben. Zwei Mitglieder haben ihr Guthaben inzwischen der Vereinskasse überschrieben, damit daraus Stunden für Menschen entnommen werden können, die selbst nichts einbringen können. Nicht alles funktioniert. Handwerkliche Arbeiten sind gefragter, als sie angeboten werden, und für Nachtdienste findet der Verein nur selten jemanden. Deshalb wirbt der Vorstand seit dem Frühjahr gezielt in den Betrieben des Stadtteils um Mitglieder mit handwerklicher Erfahrung. Ein Antrag auf öffentliche Förderung wurde zweimal abgelehnt, weil die Stadt in dem Modell eine Konkurrenz zu bezahlten Dienstleistungen sah. Auch juristisch war der Anfang schwierig: Erst nach einem Gutachten stand fest, dass die getauschten Stunden kein Einkommen darstellen und deshalb nicht versteuert werden müssen. „Wir sind kein Unternehmen und wollen keines werden“, sagt Palm. „In dem Moment, in dem hier Rechnungen geschrieben werden, ist der Verein tot.“

5

Zwei Jahre lang war Jonas Krettek (26) mit seinem Fitnessstudio in Bochum zufrieden. Dann zog er im März nach Dortmund und schrieb noch am selben Abend eine Kündigung. Zu spät: Der Vertrag lief bis Ende Juni, die Kündigungsfrist betrug drei Monate, und weil sie um sechs Tage verfehlt war, verlängerte sich die Mitgliedschaft automatisch um weitere zwölf Monate. „Ich zahle jetzt 42 Euro im Monat für ein Studio, das sechzig Kilometer entfernt liegt“, sagt Krettek. Das Unternehmen beruft sich auf die Vertragsbedingungen: Ein Umzug sei kein Grund für eine Sonderkündigung, solange das Studio erreichbar bleibe. Nach Angaben der Verbraucherzentrale gehören Fitnessverträge seit Jahren zu den drei häufigsten Beschwerdegründen. Sie rät, solche Verträge vor der Unterschrift prüfen zu lassen – und sich vor allem das Datum der Frist in den Kalender zu schreiben. Krettek hat inzwischen Widerspruch eingelegt; eine Antwort steht bis heute aus.