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Die Klugheit der vielen Ein Schwarm Stare am Abendhimmel wirkt wie ein einziges, atmendes Wesen: Tausende Vögel wenden sich gleichzeitig, ohne zusammenzustoßen. Lange suchte man nach einem Leittier, das die Richtung vorgibt. Die Physikerin Lena Vondra wertete mit ihrem Team Hochgeschwindigkeitsaufnahmen großer Schwärme aus und kam zu dem Schluss, dass sich jeder Vogel nicht am ganzen Schwarm orientiert, sondern nur an einer kleinen Zahl unmittelbarer Nachbarn. Ändert einer von ihnen die Richtung, so pflanzt sich diese Bewegung wie eine Welle durch den ganzen Verband fort. Aus dieser schlichten Regel entsteht das gesamte Muster, und zwar unabhängig davon, wie viele Tiere mitfliegen – einen Anführer gibt es nicht. Für das Phänomen hat sich der Begriff „Schwarmintelligenz“ eingebürgert. Am gründlichsten erforscht ist die Wohnungssuche der Honigbiene. In einer mehrjährigen Freilandstudie verfolgten Forscher mit farbig markierten Tieren, wie ein Schwarm aus mehreren leeren Höhlen die geeignetste auswählt. Kundschafterinnen erkunden die Umgebung und werben nach ihrer Rückkehr mit einem Schwänzeltanz für ihren Fund; dieser Tanz verrät den übrigen Tieren sowohl die Richtung als auch die Entfernung des Ortes. Bemerkenswert war: In den meisten Fällen entschied sich das Volk nicht für die zuerst entdeckte Höhle, sondern für jene, für die am ausdauerndsten getanzt wurde. Je überzeugender ein Quartier, desto länger und heftiger fiel die Werbung aus, sodass sich allmählich immer mehr Tiere derselben Stelle zuwandten. Die Wahl galt erst dann als getroffen, wenn sich an einer einzigen Stelle etwa zwanzig Späherinnen gleichzeitig eingefunden hatten. Auf die Königin ging diese Entscheidung nicht zurück. Auch Ameisen lösen ein schwieriges Problem, ohne dass eine von ihnen den Überblick hätte. Im sogenannten Doppelbrücken-Experiment bot man einer Kolonie zwei Wege zur selben Futterquelle an. War einer kürzer, lief schon nach kurzer Zeit fast der gesamte Verkehr über ihn, weil sich dort der Duftstoff rascher ansammelte und die stärkere Spur immer weitere Tiere anlockte. Waren beide Wege jedoch gleich lang, legte sich die Kolonie eher zufällig auf einen von beiden fest und blieb dann dabei. Hatte sich der Verkehr einmal eingespielt, ließ er sich kaum noch umlenken, selbst wenn später eine günstigere Verbindung hinzukam. Beim Fischschwarm sorgt das gemeinsame Wahrnehmen für Sicherheit: Viele Augen bemerken einen Räuber früher als ein einzelnes Tier, und die Nachricht von einer Gefahr durchläuft den Verband binnen Sekundenbruchteilen. Über die Tragweite solcher Befunde wird allerdings gestritten. Die Verhaltensbiologin Carla Renner bezweifelt, dass Schwärme stets überlegen entscheiden; eine Gruppe könne sich ebenso gut kollektiv irren, wenn sich ein Fehler unter den Tieren fortpflanze, und gesichert sei der Vorteil bislang nur für eng umgrenzte Aufgaben. Der Ökologe Tomás Beck hält dem entgegen, die Leistungsfähigkeit der Schwärme sei längst zuverlässig nachgewiesen und lasse sich auf zahlreiche Bereiche übertragen. Dass nicht die Mehrheit den Ausschlag geben muss, zeigte ein weiterer Versuch: Schon eine gut informierte Minderheit von wenigen Prozent reichte aus, um die ganze Gruppe in eine bestimmte Richtung zu lenken, ohne dass die Übrigen ahnten, wer sie führte. Die große Mehrheit folgte schlicht den Bewegungen ihrer Nachbarn und steuerte so, ohne es zu bemerken, auf das von wenigen gesetzte Ziel zu. Längst hat das Prinzip die Technik erreicht. Im Forschungsprojekt Helios etwa bewegten sich rund hundert kleine Flugroboter geordnet im Verband – ganz ohne zentrale Leitstelle. Jeder folgte nur einigen simplen Regeln, hielt Abstand zu seinen Nachbarn und stimmte sein Tempo auf sie ab, und doch verhielt sich der Verband als Ganzes geordnet. Selbst beim Menschen lässt sich der Effekt beobachten. In einem Online-Versuch mit mehreren Tausend Teilnehmern sollte das Gewicht eines Gegenstands geschätzt werden. Kein Einzelner traf den wahren Wert, doch der Median aller Schätzungen verfehlte ihn nur um etwa zwei Prozent – und schlug damit jede Fachjury. Das galt allerdings nur, solange die Teilnehmer die Antworten der anderen nicht sahen. Sobald sie sich gegenseitig beeinflussten und einander nachredeten, verschwand der Vorteil, und aus der Vielfalt der Meinungen wurde bloß ein lautes Echo.